Solothurn

Am 21. Januar haben wir die Team Premiere gefeiert von „Der Wahre Oktober“ auf dem Filmfestival in Solothurn in der Schweiz, wo der Film zum ersten Mal lief und auch Weltpremiere hatte. Der Wahre Oktober ist ein Dokumentarfilm mit Animation über die Russische Revolution 1917 von Berliner Regisseurin Katrin Rothe. Googelt sie, (Oder benutzt lieber Go Duck, wie auch immer,) Katrin Rothe hat schon einiges an Preisen und Anerkennungen auf dem Kerbholz und beschäftigt sich oft gerne mit sozialkritischen Themen. Am bekanntesten ist sie wahrscheinlich geworden mit der autobiographischen Dokumentation Betongold, wo es um Gentrifizierung und Immobilien-Gier in Berlin geht, ein Thema das allen Berlinern Bauchweh verursacht, die nicht gerade einen Manager Posten bei einer Bank innehaben und hier weiterhin ihre Miete bezahlen müssen, welche in den letzten sechs Jahren um über 50 Prozent gestiegen ist; sich ortsweise sogar verdoppelt hat. Aber zurück zu „Der Wahre Oktober“, das Kino war voll und im Oktober 2017, wenn die Russische Revolution sich um 100 Jahre jährt, wird die Dokumentation auch auf Arte gezeigt werden.
Da es nicht so viel Filmmaterial aus jener Zeit gibt, ist der Film in einer kreativen Mischtechnik angefertigt und benutzt zum großen Teil Animation. Ich habe eine der Hauptfiguren animiert, Sinaida Hippius, in Form einer aus verschiedenen Materialien komponierten Pappfigur. Ihr Kleid besteht aus Schokoladenpapier, und als Pupillen hatten wir zunächst Beluga Linsen verwendet. (Später sind wir dazu übergegangen, dass unsere Taiwanesische Praktikantin mit den kleinen Händen den ganzen Tag lang winzige Tonpapier-Kreise ausschneiden durfte, bis sie sie endlich rund bekam.) (In diesem Text befindet sich bislang eine Unwahrheit, findet sie.)
„Mein“ Charakter, also die Hippius war Dichterin in Sankt Petersburg und auch bürgerlich und wohlhabend, und damit der Marx’schen Definition nach Revolutionsfeindlich. Das war sie nicht ganz; als Künstlerin und Intellektuelle machte sie sich Gedanken darüber, dass sich etwas verändern musste in der russischen Gesellschaft, weil sie das Leid sah, das der Krieg und die Armut anrichteten. Sie hoffte auf einen demokratischen Umsturz des Zaren Regimes. Aber sie wollte auch nicht die Privilegien ihrer Klasse aufgeben. Sie stellte sich gegen Ende der Revolution hin gegen die Bolschewiki, und musste schließlich emigrieren. Nach der Film Aufführung in Solothurn gab es eine Stimme aus dem Publikum, die fragte, warum die Regisseurin denn dann „so eine Tussi“ als eine der Hauptfiguren ausgewählt habe.

Ich denke, wenn wir auf die Kunst und menschliches Denken aus vergangenen Jahrhunderten zurückblicken, dann halten wir Künstler oft gleich für Avantgardisten und „Andersdenkende“. Aber die Frage ist, wer hatte überhaupt Zeit, sprich die materiellen Mittel, herumzusitzen, zu philosophieren, und beispielsweise zu dichten? Und dann noch eine Frau, die damals technisch gesehen erstmal ihren Vater und dann ihrem Mann um Erlaubnis fragen musste, was sie mit ihrem Leben anstellen durfte. Es ist offensichtlich, dass es damals wenige Menschen gab, die solches Glück hatten, und dass sie in gewisser Weise privilegiert gewesen sein mussten. Und Privilegien gibt keiner gerne auf.

Wenn wir heute wiederum auf Revolutionen zurück schauen, denken die meisten aufgeschlossenen Menschen bestimmt gerne, dass sie sich auf Seiten der Revolution gestellt hätten, auf Seiten der modernen Werte die wir heute für richtig halten, wie, für Gleichheit, gegen Sklaverei, für mehr Rechte für Arbeitende, für Meinungsfreiheit, ist das nicht offensichtlich? Man muss doch damals echt ein Arschloch gewesen sein, wenn man gegen so was war.
Aber was wäre, wenn heute Menschen, die es schlechter haben als wir, etwas von uns einfordern, das wir besitzen? Würden wir etwas aufgeben was wir schon haben?
Das war die Frage, die ich mir während des Films gestellt habe.

Advertisements